Montag, 23. November 2009

DSA 4 vs. D&D 4

Mir ist gestern mal wieder aufgefallen, dass die beiden "Großen" jeweils ihre 4. Edition zeitgleich gegeneinander ins Feld werfen, wobei diese Zählweise natürlich eigentlich bei beiden ziemlicher Unsinn ist, aber darauf will ich gar nicht hinaus.

EDIT: (Zur Klarifikation:) Wir befinden uns im Jahr 2009 und die aktuellen Editionen liegen etwa bei 4. Dass die Zählweisen Mumpitz sind, habe ich ja schon geschrieben, das wurde aber bisher geflissentlich ignoriert.

Beide haben sich faszinierenderweise auf ihre Art vom handfesten "klassischen" Rollenspiel weg entwickelt.
Wenn man es überspitzt ausdrücken will - und das will ich natürlich - hat man bei DSA mittlerweile ein dermaßen detailbesessenes System, dass man, wenn man es darauf anlegt, gar nicht mehr zum "eigentlichen Abenteuer" kommt, weil man sich in Kleinigkeiten verliert, während man bei D&D Miniaturen auf einem Spielplan herumschubst und das "Rollenspiel" ganz zu schweigen von "Charakterspiel" völlig in den Hintergrund rückt.
Beides keine Extreme, die mir persönlich schmecken.


Gehen wir mal exemplarisch auf den Marktplatz. In meinen Runden sagen die Spieler vorher, dass sie auf den Markt gehen und jeweils drei eiserne Rationen pro Person kaufen. Ein kurzer Charisma-Wurf klärt, ob der Händler etwas Rabatt gibt, und auf geht's ins Abenteuer.

Blicken wir mal beim D&D 4E Kollegen und seinen Spielern vorbei. "Marktplatz? Was soll der Scheiß! Davon hat er gar keine Dungeon Tiles, also lass uns endlich das Abenteuer anfangen! Marktplatz, also wirklich!"

Wie sieht die Szene bei DSA 4 aus? Hier ist Dagolas Doldenstreichler, der sensible Elfen-Held mit Mutterkomplex und einem in seiner persönlichen Geschichte begründeten Hass auf Orks, auf dem Weg zu seinem Lieblings-Spezereien-Laden in der Basar-Ecke des Marktplatzes. Was er auf dem Weg dorthin alles erlebt will ich dem geneigten Leser hier ersparen - hören wir lieber, was sich bei "Abduls feinsten Orientwaren" abspielt.
Dagolas der Held, gespielt von Kevin Müller: "Oh holder Abdul, du Licht meiner Tage und Nächte. Welch' Köstlichkeiten brachte dir die Karawane aus der Khomwüste? Mich gelüstet es nach Zungen von Forellen aus dem Yaquir und Antilopenzungen aus der Shadifsteppe. Auch ein in Salz aus dem Cichanebi-Salzsee eingelegtes Echsenschnitzel mundete mir gar sehr."
Abdul, die Meisterperson, gespielt von Bettina Adler (aus dem Tulamidischen von mir übersetzt - Bettina beherrscht die Sprache natürlich perfekt): "Im Namen der Zwölf! Ich bin untröstlich! Die Karawane wurde von Orks überfallen und die von dir genannten Waren sind unerschwinglich teuer..."


... 3 Stunden, viele Würfe von je 3 zwanzigseitigen Würfeln später, sowie nach dem Austausch von Argumenten und Gegenargumenten einigt man sich auf 2 Marawedi, 4 Zechinen und 3 Muwlat für ein Tütchen Otternnasen und die anderen Spieler können mit ihren Einkäufen beginnen bevor man sich in epischer Mission ins Nachbardorf aufmacht.


Kommentare:

Joni hat gesagt…

Doldenstreichler! Junge! DOLDENSTREICHLER! Darauf muss man erstmal kommen. Darüberhinaus gebe ich Dir in deiner Analyse vollkommen recht. Bis auf die Tatsache, dass es durchaus Dungeon-Tiles für Marktplatzsituationen gibt.

Grülßle ;)

Kanzler von Moosbach hat gesagt…

Dir ist aber schon bewußt das DSA 4 im Jahre 2002 veröffentlicht wurde (2003 abgeschlossen) und D&D4 im Jahr 2009. Also kann von zeitgleich hier kaum die Reide sein, aber ja die unterschiedlichen Regeln fördern/erleichtern eine gewisse Art von Spielstil.

Danzelot hat gesagt…

Schon die erste Behauptung stimmt nicht. Du meinst warscheinlich die DSA4.1-Veröffentlichungen, die ungefähr zeitgleich mit D&D4 erschienen sind. DSA4 Grundbox wurde 2001 veröffentlicht. Naja ich muss jedenfalls immer wieder ob Deiner Unwissenheit schmunzeln. Vor allem, weil Du die Art und Weise des Spielstils aller DSA-Spieler direkt davon ableitest, was der jeweilige Autor da geschrieben hat (oder was Du da herausliest).

Scorpio hat gesagt…

Ich versteh immer noch nicht, wieso du darauf kommst, das D&D4 kampforientierter wäre als D&D1 und Konsorten. D&D4 hat Skill Challenges und Quest-Belohungen. Das sind sogar mechanische Mittel, um Aktionen außerhalb des Kampfes zu belohnen. D&D1 hat das nicht. Nur vom Text her, wäre das alte D&D damit reiner auf den Kampf fixiert, als die vierte Edition. Was dann jeder draus macht... tja...

Sven hat gesagt…

Selbst wenn wir davon ausgehen wollen, dass deine Behauptungen bezüglich der Systeme stimmen: Ist es nicht etwas paradox gleichzeitig den Mangel und das Zuviel an Charakterspiel zu beklagen?

Abgesehen davon konstruierst du dir hier natürlich nur wieder einmal Extreme gegen die es leichter zu "argumentieren" ist, als gegen die doch sehr subtile Nuancen, die in der Realität existieren.

Ich weiß nicht, denkst du wirklich, dass das deiner Sache hilft, wenn du dich immer mehr in die Rolle des verschrobenen, ewiggestrigen Opas versteifst?

Mr.Castle hat gesagt…

Ich finde es lustig, dass immer noch abgestritten wird, dass D&D 4 bzw. 3 kampflastiger als die älteren Editionen sind.
Wenn die Kämpfe mehr als 2 Stunden dauern, ist die Sache doch eigentlich recht klar.
Da geht es gar nicht darum, dass auch andere Sachen möglich sind (sie sind es immer), sondern nur, womit man die meiste Zeit seines Spielabends verbringt.
Dass rein vom Text her D&D 4 weniger auf Kampf aus ist als ältere Editionen (3 jetzt mal außen vor), ist etwas gewagt...

Und dass der Text absichtlich so überspitzt geschrieben ist, sollte auch klar sein.

DealgAthair hat gesagt…

Tendenziell teile ich deine Beobachtungen bezüglich der beiden Spiele. Jedenfalls solange man "rules as written", "rules as intended" und die offiziellen Abenteuer versucht in Einklang zu bringen.

DSA 4.X habe ich als gurpsifizierten "Jack-of-all-trades" mit romanhaften Versatzstücken erlebt.

D&D 4. Das Herzstück sind zweifellos Kämpfe.


Im Unterschied zu den genannten Spielen lassen sich z.B. an D&D 1 nicht die selben Maßstäbe zur Beurteilung anlegen. Dieses RSP versteht sich nicht als "fertig" als "out-of-the-box" spielbar.

Addendum: Man möge mir die häßlichen Anglizismen verzeihen.

Christoph hat gesagt…

Hallo Moritz,

schön, wie auch hier wieder einmal Klischees von DSA4.1 aufgezählt werden. Der stinknormale Ausrüstungskauf wird glaube ich nur in seltenen Fällen stundenlang ausgespielt, nichteinmal die Regeln geben das her: Ein Wurf auf Überreden und es wird geschaut, um wieviel der Preis gesenkt wird.

Wenn es ausführlicher ausgespielt wird, dann höchstens ein oder zwei Mal, um eine neue Umgebung und ihre Atmosphäre vorzustellen, danach gehts normal weiter. Niemand feilscht in den südlicheren Ländern jedes Mal.

Grß

Xemides

alexandro hat gesagt…

"Wenn die Kämpfe mehr als 2 Stunden dauern, ist die Sache doch eigentlich recht klar."

Bei AD&D 1st dauerten viele Kämpfe genauso lange.

Der Oger hat gesagt…

"Bei AD&D 1st dauerten viele Kämpfe genauso lange."

Glaub ich irgendwie nicht.
Allein, auf den niedrigen Stufen hat man dafür einfach zu wenig TP.

greifenklaue hat gesagt…

Leute, schonmal DSA 2-3 gespielt, da dauern Kämpfe Spieltage... demnach das Kampfsystem schlechthin... Hmm.

Ansonsten geil, wie man sich über diese vollkommen _ernsthaften_ Äußerungen aufregen kann. Überzeichnet Moritz vielleicht etwas? Nein, kein Stück...

Aber hervorragender Lesestoff!!!

alexandro hat gesagt…

"Glaub ich irgendwie nicht.
Allein, auf den niedrigen Stufen hat man dafür einfach zu wenig TP."

Dafür trifft auf den niedrigen Stufen nur jeder zehnte Angriff.

Auf höheren Stufen trifft man häufiger, muss dafür aber mehr TP runterkloppen, so dass es sich die Waage hält.

Mr.Castle hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Mr.Castle hat gesagt…

@alexandro:

Abgesehen, dass das nivht stimmt,
vergisst du, dass das Würfeln nur einen Bruchteil der Zeit ausmacht.

Roland hat gesagt…

---Mr.Castle hat gesagt...

Ich finde es lustig, dass immer noch abgestritten wird, dass D&D 4 bzw. 3 kampflastiger als die älteren Editionen sind.
Wenn die Kämpfe mehr als 2 Stunden dauern, ist die Sache doch eigentlich recht klar.---

In unserer D&D4 Runde dauern die herausfordenden Kämpfe jeweils weniger als eine Stunde. Bei sehr defensiven/langlebigen Kombattanten kanns mal eine Stunde werden, aber mit anständigen Charakteren und Spielern kann man die Kampfzeit auch um Einiges drücken.

Alex Schroeder hat gesagt…

Hahahaha, eine Prise DSA und eine Flasche Lampenöl bringen sicherlich jede Menge Hits, oh Moritz. :D

Der Oger hat gesagt…

"Hahahaha, eine Prise DSA und eine Flasche Lampenöl bringen sicherlich jede Menge Hits, oh Moritz. :D"

Ooch, ich finde, mit der $E geht das auch ganz gut.

alexandro hat gesagt…

"@alexandro:
Abgesehen, dass das nivht stimmt,
vergisst du, dass das Würfeln nur einen Bruchteil der Zeit ausmacht."

Ach, in deiner AD&D-Box lagen spezielle, schneller rollende Würfel bei? Bei mir nicht.

Die Anzahl der Würfe ist jedenfalls identisch.

@Roland:
Ist immer eine Frage der Gewöhnung, wenn man die "Abkürzungen" in den Regeln kennt dann spielt sich jede Edition etwas schneller, sogar oWoD.

"Im Mittel" muss man jedoch zugeben dass 4e (bei allem "NEUNEUNEU"-Geschrei)nicht signifikant schneller in der Abwicklung ist, als seine Vorgängereditionen.