Sonntag, 31. Januar 2016

[Sonntags-Interview] Roger Lewin (Chefredakteur Teilzeithelden)


Und wieder ein neuer Aspekt des Rollenspiels, den ich beleuchte - Roger Lewin erzählt über seine Arbeit mit und an den Teilzeithelden.

1. Roger - schildere doch mal bitte kurz deinen Weg ins Rollenspiel.
Hallo Moritz! Tja, ich denke, das hängt maßgeblich mit meiner Faszination für die Phantastik zusammen. Vermutlich begann alles 1979, als ich im zarten Alter von fünf Jahren von meinen beiden älteren Brüdern in Star Wars 1 (heute Episode IV) geschleppt wurde. Danach war es um mich geschehen und ich begann mich eingehend mit Fantasy und Science-Fiction zu beschäftigen. Als dann ein Schulfreund, mit dem ich immer am Amiga gespielt habe, die damalige DSA-Basisbox anschleppte, erkundeten wir gemeinsam diese für uns neue Welt und Art des Spielens. Ich meine, ich war 14 oder 15 Jahre alt. Verglichen mit der Art, wie ich das Hobby heutzutage betreibe, liegen da sicher Welten dazwischen, aber wir hatten eine Menge Spaß und es hat ein Jahr gedauert, bis ich meine ersten Schritte als SL begonnen habe,

2. Was hat dich dazu bewogen, den Spielleiter geben zu wollen?
Böse Stimmen würden behaupten. dass ich gern nach Kontrolle greife <lacht>. Nein, Hand aufs Herz. Ich denke mir gerne Welten aus, lasse mich von Weltenbeschreibungen treiben und stelle mir Probleme vor, die in den Welten entstehen könnten. Ich leite sehr wenig fertige Kampagnen oder Abenteuer, weil die mir oft zu eng gesteckt sind. Ich würde sagen, dass ich die Welt leite, nicht das Abenteuer. Die letzte fertige Kampagne, die ich geleitet habe, war Darkness Descends für das SciFi-Rollenspiel Trinity von White Wolf. Das ist Jahre her. Ich denke mir meine Sachen selbst aus. Da warte ich übrigens auch händeringend auf die neue Version, die ja 2017 kommen soll. Es macht mir auch einfach Spaß, Menschen zu entertainen.

3. Kommst du derzeit überhaupt noch zum Spielen?
Nein, offen gesagt nicht. Ich habe das letzte Mal vor über 2 Jahren kurz in einer L5R-Runde gespielt, diese ging aber leider nicht weiter, da die Mitspieler zu weit räumlich getrennt waren. Meine Frau wirft mir manchmal im Scherz vor, dass ich gar nicht mehr spielen kann. Damit meint sie, dass ich zu viel Spielzeit an mich reiße oder einfordere. Als SL bin ich es gewohnt, häufiger zu reden als die Spieler, man ist ja für die
ganze Welt zuständig. Das müsste ich mir erst wieder abgewöhnen. Auf der anderen Seite leite ich gerade ganze fünf Runden und da bleibt einfach keine Zeit mehr, selbst zu spielen neben den ganz anderen Hobbies und Verpflichtungen, die ich habe.

4. Du lieferst mir die perfekten Stichworte - neben deinem absolut fordernden Privatleben hast du ja auch deine Hände in diversen Rollenspielprojekten - erzähl doch mal...
Der alltägliche Wahnsinn eben für einen kreativen Nerd. Dass ich der Kopf von Teilzeithelden bin, ist kein großes Geheimnis und ich freue mich jeden Tag, wie groß das Magazin geworden ist. Das wurde natürlich nur so wegen den tollen Menschen, die am Projekt mitarbeiten. Und auf die bin ich echt stolz. Daneben war ich Teil der Jury des Deutschen Rollenspielpreises in 2015 und habe meine Meinung und Bewertung zu den eingereichten Produkten beigesteuert. Würde ich noch irgendwie Zeit haben, würde ich mich auch mehr am GRT beteiligen wollen.....
Meine Runden gerade sind; Aberrant, ein Superheldensystem nach White Wolf, spielt in einem alternativen Japan der Neuzeit und macht einen Heidenspaß, dann Earthdawn nach der vierten Edition von Ulisses - die SC sind nach dem Angriff eines großen Dämons auf ein Segelschiff über dem Servosdschungel abgestürzt und müssen nun ihren Weg in die nächste Zivilisation finden. Weiter gibt es eine Dresden Files-Runde, aber nach FATE Core mit Anpassungen am originalen Magiesystem – hier decken die SC ein Ritual zur Wiederbelebung eines Vampirs auf, mit rein spielt eine Verschwörung, die sich sogar bis in die Kreise der Wardens zieht. Online zu leiten, versuche ich nun das erste Mal, dann aber gleich mit zwei Runden. Zum einen Trinity und Star Wars: Am Rande des Imperiums. Ich bin sehr angetan von der Chance, mit Leuten aus dem TZH-Team zu spielen, die ich sonst nie real treffen würde und bin auch ganz zufrieden, mit der Möglichkeit, Handouts virtuell vorzustellen. Aber so richtig warm werde ich mit dem Onlineleiten einfach nicht.

5. Na, komm schon! Mit einer Antwort darfst du mal so richtig die Werbetrommel für die Teilzeithelden rühren.
Roger: Du willst sicher auf Patreon hinaus. Wir haben uns entschieden, diese Form der Honorierung der Aufwände für unsere Schreiber, Grafiker und Lektoren zu nutzen. Ich meine, das ist stellenweise echt ne Menge Arbeit. Produkte lesen, Spieltesten, Texte dazu schreiben, Rahmeninformationen recherchieren, viele Stunden Überarbeitung und letztendlich Livesetzung des Endartikels. Das ist viel Arbeit, wo wir uns freuen würden, wenn unsere Leser den Kollegen mit Patreon "Danke!" damit sagen. Wir machen diese Arbeit freiwillig und weil wir Spaß dran haben - aber wenn man einmal im Jahr mit seinem Lebensgefährten Abendessen gehen kann von der Wertschätzung der Leser, ist das ein tolles Gefühl.
Einige werfen uns ja Geldmacherei vor, aber denen muss ich leider entgegnen, dass die liquiden Mittel in der Branche nicht so locker sitzen, wie man annehmen mag. Wir kommen in den meisten Jahren auf eine schwarze Null nach Abzug von Steuern etc. raus. Da bleibt einfach nichts für die Schreiber und anderen Mitwirkenden übrig.
Also wer uns noch nicht kennt und eine Plattform besuchen möchte, die regelmäßig Produkttests und News zu allen Bereichen der gespielten Phantastik bringt, der soll mal vorbeischauen. Ihr werdet nicht enttäuscht!

6. Absolut. Da gibt es Projekte, die weniger unterstützenswert sind. Wie viele "Teilzeithelden" gibt es denn mittlerweile und wie bekommt man diesen Flohzirkus halbwegs in den Griff?
Stand heute sind wir 31. Fünf Lektoren, eine Grafikerin, der Rest Redakteure für die verschiedenen Bereiche. Wir bedienen ja nicht nur Tischrollenspiel, sondern auch LARP, Tabletop, Filme und Serien und was weiß ich noch alles. Ich selbst bin im echten Beruf Projektleiter im IT-Umfeld, damit einher geht natürlich eine Menge an Wissen über die Steuerung von Projekte und das Anleiten von Teams.
Und dieses Wissen habe ich bei der Organisation von Teilzeithelden eingebracht. Wir haben zum Beispiel Teamleiter, bei uns Ressortleiter genannt werden. Die Teams koordinieren sich selbst und bestimmen frei ihre Themen, der Leiter meldet sie an mich. Das fließt dann in die Planung ein. Die Themenplanung selbst wird bis zu zwei Monate im Voraus gemacht und wir arbeiten mit Einreichungsfristen – das ist immer zehn Tage vor Veröffentlichung des Artikels. Die Planung vorab bekommen übrigens alle Patreon-Unterstützer, die 3 USD und mehr je Monat spenden. Klar muss sich jemand erstmal an die Workflows, die wir etabliert haben, bei Hinzukommen zum Team gewöhnen, aber das geht meist recht fix. Logisch muss man ab und an den einen oder anderen ein wenig an die Termine erinnern, aber in Summe sind wir alle sehr zufrieden mit den zugrunde liegenden Prozessen.

7. Ja, hört sich etwas komplizierter an als einen Seifenkisten-Artikel zu schreiben und freizuschalten. Wie kam es zustande, dass aus der doch recht übersichtlichen News-Seite so eine "Mega Corporation" entstanden ist? Vision? Zufall?
Naja, wenn ich was mache, dann mache ich es richtig. News haben wir ja nie so richtig gemacht, sondern uns immer mehr auf die Inhalte mit höherer Halbwertszeit konzentriert. Ich würde schon sagen, dass es ambitionierte Vision war und wir sind auch vermutlich nicht am Ende angelangt. Wir könnten noch viel mehr machen - aber dazu fehlt uns die Mannkraft. Redakteure bei uns sind angehalten, einen Artikel im Monat einzureichen, nach meist freier Themenwahl. Bei einigen gibt es Sondervereinbarungen mit sechs Artikeln im Jahr. Was uns für "mehr" Content fehlen würde, wäre noch mindestens ein weiterer Lektor und vor allem ein Layouter/Setzer. Zurzeit setze ich selbst die Artikel, das kann ich ab einer gewissen Menge nicht mehr gewährleisten. Und letztendlich natürlich auch mehr neue Redakteure. Wir schreiben Ende Januar einen Redakteur für die gesamte World of Darkness aus und im Februar einen für die deutschen Übersetzungen von Pathfinder. Wir wachsen also weiter - jedoch langsam. Es gibt ja auch Bewegungen im Team. Manch einer bekommt es zum Beispiel durch einen neuen echten Job nicht mehr zeitlich hin oder ist schreiberisch ausgebrannt. Dadurch gehen diese in die Pause und es sind wieder weniger Beteiligende. Die Grundtendenz ist aber weiter nach oben gerichtet.

8. Hört sich gut an. Du weist ja schon die Tendenz zur "News-Seite" von dir - was ist die Idee hinter der Seite? Hat sie vielleicht sogar einen Fokus?
News sind ja etwas, was gerade jetzt eben in diesem Moment passiert. Da macht Dominik mit dem Almanach wieder einen hervorragenden Job. Wir senden auch News, ja, aber als Mehrwert für die, die uns aus den sozialen Medien folgen. Wir machen auch monatliche Tabletop-News, schick aufbereitet in einem eigenen Artikel. Aber echte Short-News gibt es nicht bei uns, sondern eben nur bei unseren sozialen Präsenzen, hier vornehmlich Facebook. Was wir dort sende, steht aber auch in unserer seitlichen Navigationsleiste. Wir wollen niemanden aussperren. Klar würde ich es auch gern etwas aufbereiteter im Magazin machen, aber das wäre ein ganz eigenes Team, was noch zusammengestellt werden müsste.
Rollenspielprodukte sind ja generell Produkte von höherer Halbwertszeit als beispielsweise ein Computerspiel. Und damit bleiben sie auch über viele Jahre lang interessant. Und da ist dann auch unser Fokus oder Anspruch: Für die von uns vorgestellten Produkte belastbare Kritiken zu bieten und auch Tipps und Hinweise für die Spielarten des Hobbies generell zu geben - verbunden mit so manch philosophischem Gedanke.

9. Wir nähern uns mit Riesenschritten dem Ende - gibt es ein System oder ein Setting, das dir besonders am Herzen liegt?
Ich bin einer der Spieler, die Welten höher schätzen als Regeln. Mit den Regeln kann ich mich immer irgendwie arrangieren. Eigentlich gibt es zwei Welten, die ich favorisiere. Da wäre zum einen Rokugan aus L5R, wenn man denn einige Entgleisungen im Fluff ignoriert und das Trinity Universe von White Wolf. Beide grundverschieden, aber beide toll. Das ist eine Japanofantasy, das andere Pulp/Superhero/Science-Fiction.

10. Das sind auch definitiv zwei interessante Settings. Vielen Dank für deine Zeit! Zum Abschluss erhältst du wie alle Sonntags-Interview-Partner die Chance, dem deutschsprachigen Rollenspielvolk ein paar Worte höchster Weisheit mit auf den Weg zu geben.
Leben und leben lassen, Freunde. Es gibt keinen Weg, Rollenspiel "richtig" zu betreiben. Jeder entscheidet das für sich selbst. Und wenn Du, ja, genau DU, privat mit einem System nicht klarkommst, dann halte es wie der Pinguin "Einfach mal die Klappe halten!". Und sonst gilt immer: Spielen, spielen, spielen und auch mal was Neues austesten und sich aus der eigenen Komfortzone bewegen. Und Teilzeithelden lesen. Oder so ... <lacht>

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