Montag, 25. Februar 2013

Interview zur Cyberpunkanthologie "Fieberglasträume"



Demnächst erscheint die Kurzgeschichtenanthologie "Fieberglasträume", zu der eine ganze Reihe unbekannter und bekannter Autoren etwas beigetragen haben:

Michael K. Iwoleit

Peter Hohmann
Sven Klöpping
Jens Ullrich
Niklas Peinecke
Thorsten Küper
André Wiesler
Michael Rösner
Frank Hebben
Christian Günther
Frank Werschke
Jan-Tobias Kitzel
Peer Bieber
Ingo Schulze
David Grashoff


Ich habe mir mal die beiden Macher hinter dem Projekt - André Skora und Frank Hebben - zur Brust genommen und ausgequetscht, denn seien wir mal ehrlich - "Cyberpunk ist soooooo 90es" - wie soll so etwas heute noch ankommen? Ich kenne die Stories schon seit einiger Zeit, da ich bei einigen "die letzten Fehler" raushauen durfte - und was soll ich sagen, ich habe schon weit schlechtere Geschichten unter einem bekannten Label mit "S" am Anfang gelesen...


1. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, eine solche Anthologie zu veröffentlichen?

André: Eigentlich ist das Projekt durch meinen Ärger darüber entstanden, dass es in letzter Zeit keine neuen Cyberpunk-Veröffentlichungen gab. Ich stand bei einem großen Buchhändler vor dem Regal und musste die x-te Neuauflage eines bekannten Werkes in Händen halten. In diesem Augenblick war die Grundidee geboren, die dann abends in gemütlicher Runde noch bequatscht wurde. Und am nächsten Tag setzte ich mich dran und infizierte andere mit meiner Idee. Ruckzuck stand ich da und musste mich selber kneifen, wenn ich da zusammengetrommelt hatte. Das war schon ein klasse Gefühl!

Frank: Vor nicht allzu langer Zeit – okay, ist doch schon fast ein Jährchen her – hat mir Harald (von Begedia) eine E-Mail geschickt, ob ich denn nicht bei einer neuen Anthologie als Autor teilnehmen wollen würden könnte sollte. Und überhaupt! Meine Rückfragen: WER ist dabei? WORUM geht es genau? – wurden, wohl unter dem Mantel der Verschwiegenheit, dann auch so gar nicht richtig beantwortet – bis ich ihm das Messer auf die Brust gesetzt habe, mir doch bitte sämtliche Fakten auf den Tisch zu legen; weil ich nämlich für eine meiner Storys so schlappe 10.000 Stunden brauche und bitte vorab wissen will, ob sich die Mühe auch wirklich lohnt. Dann kam die Liste der Autoren. Dann kam das Konzept. Und es hat mich völlig überzeugt – ich war begeistert und dabei! Wenige Wochen zuvor hatte ich mich als Herausgeber bei NOVA-SF rausgehebelt, weil ich die neue Ausrichtung des Magazins so nicht mitmachen wollte – und ich dachte mir: Hey, warum nicht diese neue Anthologie grafisch aufpimpen? Also habe ich „meine“ Illustratoren gefragt, die ich durch die langjährige Arbeit bei NOVA um mich gescharrt habe, ob sie denn nicht Lust hätten, ein paar geile Cyberpunkbilder in Farbe und Bunt beizusteuern … Harald war einverstanden, diesen Mehrwert: 15 hochwertige Illustrationen auf guten Papier, zu bezahlen, um die Anthologie grafisch zu veredeln.
Das Ergebnis spricht für sich.

2. Wie eng ist das überschriebene Thema "Kybernetik" gefasst? Welche Bandbreite haben die Geschichten?

André: Das „kybernetisch“ ist ein großer Bestandteil der Anthologie. Es findet sich in jeder der Storys stylische Cyberpunk Elemente, natürlich auch Kybernetik, wieder. Die Bandbreite ist sehr weit gefasst, da die Vorgabe an die Autoren „Cyberpunk“ war. Da kann man sich sicherlich vorstellen, wenn fünfzehn Autoren ihre Sicht der Dinge bzw. ihr Kopfkino aufs Papier bringen und man ihnen eine große Spielwiese gibt, entstehen die unterschiedlichsten Ansatzpunkte und Herangehensweisen. So kann ich sagen, das FIEBERGLASTRÄUME ein Spektrum, das von oldschooliger Matrix-Abhängigkeit, über Gossenpunks hin zu Familienzwistigkeiten bis Konzernintrigen abdeckt. Da sollte für jeden Leser / für jede Leserin etwas dabei sein. Und es rockt einfach!

Frank: Hey – „Kybernetische Kurzgeschichten“ klingt doch supercool! Womit wir bei einem Hauptaspekt des Cyberpunk wären: Große Klappe nichts dahinter! Zu checken, wie sehr – und wie wenig das auf die 14 enthaltenen Storys zutrifft, dazu ist jeder Leser herzlich eingeladen. „Die Kunst des Steuerns:“ André und ich haben die Crème de la Crème der deutschen Cyberpunk-Szene versammeln können, um zu zeigen, wie stark das Ganze auch heute noch rockt! Das kommt nicht von Ungefähr: Tagtäglich können wir zuschauen, wie die dystopischen Szenarien, in die wir als Teenager – als Rollenspieler – mit wohlig-morbidem Prickeln eingetaucht sind, so langsam, aber sicher Realität annehmen: „1984 was not supposed to be an instruction manual.“ Bleibt wach!



3. Ist Cyberpunk nicht irgendwie 90er?

André: Ist er das? Der Cyberpunk hat zwar in den 90zigern seinen viel beschriebenen Höhepunkt erreicht gehabt, aber ihm als „alt“ oder „tot“ zu deklarieren, wäre aus meiner Sicht absolut falsch. So findet man immer wieder aktuelle Filme, Computer-/Konsolenspiele usw. die durch den Cyberpunk beeinflusst werden. Auch sieht man, dass die im Cyberpunk angewandte Technik in der heutigen Realität noch nicht ganz Einzug erhalten hat und sich noch im Entwicklungsstadium befindet. Wobei sicherlich auch das ein oder andere überholt ist, aber das hat die SF wohl so an sich. Mein Fazit lautet daher „Cyberpunk is not dead!“

Frank: Jürgen Olejok nennt es: die „Poesie des Verfalls.“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Wie bei Androiden und Robotern, so wie bei Raumschiffen und fernen Welten geht es um die Ästhetisierung der Wirklichkeit; darum, Themen und Motive herauszuarbeiten, die uns – als Menschen – beschäftigen oder besser: beschäftigen sollten. Wenn uns Judge Dread entgegenbrüllt: „I AM THE LAW!“, dann sollten wir nicht nur „Geil!“ rufen, was wir natürlich tun, beide Filme haben ihre Highlights, ergo: dicke Wummen und Granaten – sondern einen Schritt zurücktreten, um die Message zu verstehen: „Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“(Benjamin Franklin)


4.                  Was ist der Reiz an einer solchen Autorenmischung?
Andre: Bekannte Autoren einerseits, unbekannte Gesichter andererseits.

Frank: Na, die Vielfalt! Viele schwarze Türen, die sich für den Leser öffnen.


5. Wie kriegt man so viele Autoren unter einen Hut? Sprich: Wie hat man sich den Entstehungsprozess eines solchen Bandes von der Idee bis zum gedruckten Buch vorzustellen?
André: Wie es zu der Idee kam, habe ich ja schon beschrieben. Anschließend ging es ans „Klinkenputzen“. So hatte ich schnell das Autorenteam zusammen und musste mir dann eingestehen, dass ich jemanden brauchte, der den Bereich Illustrationen in die Hand nimmt. Wie der Zufall es so wollte, stieß ich bei der Verlagssuche, die ich parallel angekurbelt hatte, auf Frank Hebben. Nach einigem „Hin und Her“ wussten wir, dass wir das Projekt zusammen schaukeln wollten. Im selben Atemzug bin ich bei Harald vom Begedia Verlag, der mir dankenswerterweise empfohlen wurde, auf offene Ohren gestoßen. Kurz Rede langer Sinn: nach nur drei Anfragen stand der Verlag fest. Später ging es darum, das Lektorat und Korrektorat zu sichern. Und alles andere war dann unter die Rubrik „normaler Ablauf“ zu stufen, sprich: Nachfragen bei Autoren, Lektoren und Autoren zusammenführen, Korrekturen durchführen, Weitergabe der Storys an die Illustratoren, etc. Bei einigen Sachverhalten, wie etwa der Namensgebung, haben wir uns dann auch der Intelligenz des Teams bzw. sogar Facebook bedient. Was Frank und mir zeigte, dass die eingeschlagene Richtung doch die Richtige war … Auf der Zielgeraden wurde dann noch der Satz besprochen und durchgeführt.
Aber erwähnen sollte man auch, das wir uns auch den Kontakten, die es im Team gibt, bedient haben. Denn man ist - wen man kennt!
Und nun ist es soweit und wir hoffen das wir FIEBERGLASTRÄUME auf der DortCon (9.-10. März 2013) präsentieren können.

Frank: Das stimmt. ;)

6. Welche Rolle spielen die Illustrationen beim Gesamtwerk?

Frank: Cyberpunk ist und bleibt ein audio-visuelles Spektakel … es hat eine philosophische Tiefe, sofern man denn möchte: das enthaltene Vorwort von Rob Boyle, (Shadowrun Mastermind), zeigt, wie tief das Kaninchenloch reicht. Aber vordergründig ist es ein actionlastig, cool arrogantes Subgenre der Science-Fiction. Schaut euch den Trailer von „Cyberpunk 2077“ an; wenn euch da nicht das Blut aus den Augen läuft, werdet ihr wohl auch mit den FIEBERGLASTRÄUMEN nicht besonders glücklich werden. Noch ein Wort zum Cover: Ich bin mit „Schwermetall“ aufgewachsen: deren Cover genauso sind, wie der Titel des Magazins vermuten lässt: leicht bekleidete Damen in aufreizenden Posen, jawohl: TITTEN! Bevor ihr jetzt hektisch den Pfarrer eures Vertrauens anruft, sei euch gesagt: Der Inhalt dieser monatlich erschienenen „Schmuddelheftchen“ hat mir die Bandbreite anspruchsvoller Comicwelten in den Briefkasten gelegt. Die Namen könnt ihr selbst nachschauen. Also, ehrlich: Dieses Cover „peinlich“ zu finden, kommt so ähnlich wie Gigers Welten als billige Pornografie abzuwerten. Sie, der Cybernaut, ist ein Embryo, der in digitalen Welten schwimmt.
Aus wie viel Sex besteht das Netz?

Andrè: Die Illustrationen mussten einfach ins Buch. Wie Frank schon sagte, Cyberpunk lebt vom Visuellen und als zusätzlicher Anreiz fürs Kopfkino führt da kein Weg dran vorbei.

© Frank Hebben // André Skora, 2013

Kommentare:

MSch hat gesagt…

Dem handwerklich und optisch wirklich schlechten Tittenbild des Covers auch noch philosophische Tiefe anzudichten fand ich jetzt aber doch ein wenig zu dick aufgetragen.

Moritz hat gesagt…

Ich gebe gerne zu, dass ich mit dem Cover auch so meine Probleme habe - aber der Großteil der Geschichten ist wirklich ausgesprochen gut.