Mittwoch, 14. November 2012

[Interview] Tobias "Tigger" Hamelmann (Shadowrun-Chefredakteur)

Zwischen virtueller Tür und Angel habe ich noch schnell den Shadowrun-Chefredakteur ausgequetscht!


1. Tobias - schildere doch mal bitte kurz deinen Weg ins Rollenspiel.
Mein Weg ins Rollenspiel. Ich habe mit elf Jahren angefangen. Ein guter Freund von mir brachte eine Box mit ominösem Inhalt mit: Die DSA-Basisbox. Wir haben uns dann jeder fünf Helden gebastelt und losgelegt: Einer hat geleitet und der andere seine fünf Charaktere durch das Szenario geführt. Das war der Einstieg.

2. Sehr traditionell. Bist du dann durchgängig beim Rollenspiel geblieben, oder gab es auch mal „Durchhänger“?
Nein, nach dem ersten Anfixen bin ich direkt süchtig geworden. Allerdings hatte ich dann erstmal eine Zeitlang keine Runde sondern eben nur besagten Freund, mit dem ich gespielt habe. Später kam meine erste Runde zustande - auch DSA. Es folgten noch in der Schulzeit Ausflüge in die Welten von Shadowrun und Traveller. In der Zivildienstzeit und während des Studiums wurde es dann immer bunter. Eine ständige Runde in den Schatten, ein bisschen D+D, unregelmäßiges DSA, GURPS - alles, was irgendein Freund anschleppte, wurde auch gespielt. Auf einer Messe habe ich dann irgendwann Crazy, den ehemaligen SR-Chefredakteur getroffen und mich direkt gut verstanden. Parallel dazu wurde ich über meine damalige Freundin mit Daniel Richter bekannt und bin dann sozusagen zweigleisig in verschiedene Systeme als Autor eingestiegen.

3. Stimmt. Du bist einer der wenigen, denen der Ulisses-Pegasus gelingt. Wie schafft man das?
Bin ich das? Eigentlich nicht. Die letzten Arbeiten für Ulisses liegen schon eine ganze Weile zurück. Dungeonband und Donner und Sturm waren die letzten Bücher, an denen ich mitgearbeitet oder Feder geführt habe. Tatsächlich gibt es auch noch eine (zumindest von meiner Seite) abgeschlossene Dungeonanthologie, von der ich aber nicht weiß, in welchem Giftschrank sie gelandet ist. Danach habe ich nichts mehr für Ulisses gemacht. Was aber nicht daran liegt, dass ich viel für Pegasus arbeite - derzeit mache ich eher etwas für Uhrwerk. Und Rollenspiel ist ja nicht mein Hauptberuf, sondern eher eines von vielen Projekten.

4. Uhrwerk? Erzähl!
Ich arbeite ja nicht nur als Autor und Redakteur, sondern auch als Layouter. Ich habe alle Wege-Bände der DSA-Reihe gemacht, damals. Für Uhrwerk mache ich also hin und wieder auch ein Layout. Und für Myranor schreibe ich ein wenig - wie jetzt zum Beispiel ein paar wenige Beiträge für das Monsterbuch. Früher habe ich auch noch was für Cthulhu gemacht, für Lodland, für Engel ... die Szene ist ja relativ eng verzahnt.

5. Am Monsterbuch war ich auch mit ein paar Biestern beteiligt und halte es für ein wirklich geniales Teil – auf welchen von deinen Beiträgen dazu bist du am meisten stolz?
Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht mehr genau, was ich geschrieben habe. Ich glaube, es waren nur zwei Monster ... an die rotbekammte Basiliskenechse kann ich mich noch erinnern. Die heißt aber im Buch anders.

6. Neben den vielen oben genannten Projekten dürftest du den meisten über deine Arbeit an Shadowrun bekannt sein. Wie in aller Welt wird man zum SR-Chefredakteur?
Ja, Shadowrun beschäftigt mich natürlich sehr - es gibt immer viel zu tun. Damals, als das System noch bei FanPro war, saß ich ja schon in der Stammbesetzung der Redaktion. Als der Wechsel zu einem anderen Verlag anstand, kamen einige der Kandidaten zu mir und bei einigen habe ich mich angeboten. Letztlich fiel die Wahl der Amerikaner auf Pegasus und bei denen war ich als Chefredakteur schon halb vorgemerkt: Wir kannten uns schon aus anderen Projekten und waren uns daher klar darüber, dass eine Zusammenarbeit gut funktionieren würde. Ich kannte das System, ich kannte den Verlag, ich hatte die ganzen alten Kontakte ... so kam dann eines zum anderen.

7. Für mich und meine unbedarfteren Leser – was genau tut so ein Chefredakteur genau?
Lektoren suchen, Illustratoren anwerben, Autoren beschäftigen, Konzepte planen und sich neue ausdenken, Budgets durchrechnen, Ansprechpartner für Verlag/Fans/Autoren sein, Bücherinhalte strukturieren, Texte lesen und schreiben, Termine im Auge behalten - besonders letzteres. Damit der Drucktermin der irgendwann mal geplanten Buchveröffentlichungen eingehalten wird muss der Text zum Übersetzer, dann zum Lektor, dann ins Layout, dann zum Fahnenlektorat, dann zum Drucker. Gleichzeitig muss ein neues Cover gemacht werden, für deutsche Zusätze ein Redakteur oder Autoren gefunden werden, die Illus geplant ... und das alles dann zusammengeführt werden. Außerdem will man immer mal wieder was Neues starten, rein deutsche Veröffentlichungen müssen komplett durchkalkuliert werden und mit dem Amerikanern muss man auch Kontakt halten ... man ist also eine Mischung aus Organisator, Terminkalender, Briefkasten und sein eigener Sekretär. Und dazu kommt dann noch ein kleiner Prozentsatz an kreativer Arbeit.

8. Gibt es ein Buch, das du gerne herausbringen würdest, wenn du ein tolles Team hinter dir hättest und jedes nur erdenkliche System zur Verfügung stünde?
Nein - es gibt viele Sachen, die ich toll finde. Ich organisiere auch einfach gerne - und wenn ich schreibe, dann am liebsten Abenteuer. Vielleicht mal ein postapokalyptisches Spiel, das nicht nur toll anzuschauen und interessant zu lesen, sondern auch wirklich gut zu spielen ist. Aber da gibt es ja auch schon ein paar Kandidaten auf dem Markt. Letztlich gibt es viele Arten von Projekten, die ich sehr spannend finde oder fände.

9. Verfolgst du auch kleinere Systeme oder Indies? Was ist da in deinen Augen der „heißeste Scheiß“?
Derzeit bin ich auf dem Delta Green-Tripp. Außerdem leite ich sehr gerne Marvel, das ältere, würfellose System. Wobei wir keine Marvelhelden spielen, sondern eigene Superhelden im Zweiten Weltkrieg gegen die Thule-Gesellschaft. Ein bisschen Pulp, ein bisschen Marvel, ein bisschen Hellboy, ein bisschen Indiana Jones. Ein schönes Setting. Mein dritter Favorit - abseits von Deadlands oder Shadowrun: Die drei ??? als Rollenspiel.

10. Vielen Dank! Aus meiner versprochenen halben Stunde sind nun schon 49 Minuten geworden. Dafür erhältst du nun das Recht, ein paar Worte an das „Volk“ zu richten, die ich fett markieren und rot einfärben werde…
Du meinst, die letzten Worte als Ausruf an die Gemeinschaft: Gehet hinaus und mehret euch! Ganz ehrlich, die Szene ist derzeit relativ stabil, aber mehr werden es auch nicht. Das liegt daran, dass kaum Nachwuchsförderung abseits von Mund-Zu-Mund-Propaganda gemacht wird. Die Verlage haben dazu einfach nicht die richtigen Mittel und greifen mit ihren Werbemöglichkeiten nur immer IN der Szene nach neuen Kunden. Wenn wir also wollen, dass unser Hobby sich ausbreitet und mal ein bisschen größer wird, dann solltet ihr andere infizieren. Es gibt da draußen noch sehr viele Rollenspieler, die alle nur nicht spielen, weil sie gar nicht wissen, was das ist und wie das geht. Tragt die Kunde also hinaus in die Welt: Rollenspiel ist toll!

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