Sonntag, 28. Oktober 2012

[Interview] Leander Linhoff (Chefredakteur des Zunftblatts)

Ich werde in nächster Zeit immer mal wieder "Macher des deutschsprachigen Rollenspiels vorstellen und sie im Facebook-Chat oder an anderer  Stelle in unverbindliche Pläusche verwickeln - die "Ergebnisse gibt es dann hier von der Seifenkiste herab, die ich mir immer wieder gerne mit anderen Rollenspielern teile.

Ausgehend von der immer gleichen Frage nach dem "Weg ins Rollenspiel" taste ich mich langsam heran und schaue mal, was ich ihnen entlocken kann.

Den Anfang macht Leander Linhoff, seines Zeichens Chefredakteur des Zunftblatts und Redakteur des Uhrwerk-Systems Dungeonslayers.




1. Leander - schildere doch mal bitte kurz deinen Weg ins Rollenspiel.
Ich war acht Jahre alt und es waren Sommerferien, also Langeweile pur. Da kamen drei Jungs aus unserem Dorf bei Köln zu mir und fragten mich, ob ich mit ihnen ein ganz neues Spiel ausprobieren wollte. Das Schwarze Auge. Klar, sagte ich, und baute meinen ersten Charakter, einen Waldelfen namens Wiesensturm. Von da an gab es kein Halten mehr...

2. DSA war also deine Einstiegsdroge? Um welche Edition handelte es sich und wie lange bist du bei dem System geblieben?
DSA habe ich in der ersten Edition gespielt. Die hat mir auch recht gut gefallen, weil man sich noch frei in Aventurien bewegen konnte, ohne hinter jedem Baum einen Metaplot zu finden. Wir wechselten aber recht schnell zur roten D&D-Box und später zu AD&D, das wir viele Jahre gespielt haben.

3. Rein mathematisch müssten wir uns jetzt in den frühen 90ern befinden - welche Welle hast du mitgemacht? Vampire-Storytelling? AD&D/DSA-Mainstream oder Mathematik-Klassenarbeiten-Systeme wie Ruf des Warlock?
Oh, ich bin zweigleisig gefahren. Auf der einen Seite habe ich die Storyteller-Bewegung mitgemacht und das Ganze auch Live gespielt. Ich war zehn Jahre lang Prinz von Köln. Auf der anderen Seite bin ich der klassischen Fantasy im Format des AD&D treu geblieben. Und ich habe mich durch die Exoten gekämpft. Cthulhu war damals noch alles andere als Mainstream, ich habe es aber sehr geliebt. Und bis heute liebe ich Pendragon und das Rollenspiel zu Wendy und Richard Pinis Elfquest.

4. Vom Prinz von Köln ist es aber ein weiter Weg zum Chefredakteur des Lahnsteiner/Koblenzer Zunftblattes - Erzähl!
Naja, Vampire Live war für mich immer auch ein Spiel voller Enttäuschungen. Auf der einen Seite spielerisch, denn ich bin ein leidenschaftlicher Charakterspieler und das habe ich leider bei wenigen Livern gesehen. Da herrscht zu viel Angst. Auf der anderen Seite menschlich, denn ich bin aus finanziellen Gründen 2007 von Köln nach Koblenz gezogen und da sind fast alle sogenannten Live-Freunde verschwunden wie die Kakerlaken, wenn das Licht angeht. Aber ich habe hier einen sympathischen Verein gefunden, der sich der Förderung unseres Hobbys verschrieben hatte, die ZLR. Und dort begrüßte mich Martin Ruhl, der heutige Anzeigenredakteur, Drill Instructor und gute Seele des Zunftblattes ist, mit den Worten „Wollt ihr (ich und meine Frau) nicht unsere Zeitung machen?“ Da ich in der Windgeflüster schon meine Erfahrungen als Chefredakteur gesammelt hatte (auf die ich heute noch stolz bin, obwohl das Ergebnis nicht wirklich toll war), habe ich zugestimmt und Zoe war bereit, das Layout zu machen. Schnell habe ich auch engagierte und liebe Mitarbeiter gefunden, die ich heute meine Freunde nennen darf.

5. Plaudere doch mal etwas aus dem Nähkästchen des Verantwortlichen eines deutschen Rollenspiel-Print-Magazins...
Naja, was soll ich da sagen? Ich habe kaum solche Erfahrungen gemacht, die sich für tolle Gerüchte eigenen. Unsere Szene ist eben sehr familiär und man hilft sich. Es ist auch immer wieder schön, zu sehen, dass selbst die „Stars“ unter uns sehr erdverbunden sind. George R. R. Martin zum Beispiel, der uns für Heft N. 14 ein Interview gegeben hat, weil er es so mutig und cool fand, dass deutsche Fans ihn einfach anschreiben. Schön war auch der Tag, als meine Frau mich fassungslos an der Haustür empfing, weil ihre Lieblingsautorin Storm Constantine auf unseren AB gesprochen hatte.

6. Gibt es schon Thema und/oder ein angepeiltes Erscheinungsdatum für das nächste Zunftblatt?
Ja, gibt es. Das Thema der kommenden Ausgabe wird eine Herausforderung. „Krieg und Frieden“ lautet es und wird sich mit Kriegsführung, Waffen und Diplomatie befassen. Dabei sind wir uns im Klaren, dass Krieg ein heißes Thema ist und wir weisen explizit darauf hin, dass wir eine popkulturell verklärte Darstellung des Themas anstreben. Erscheinen wird das Heft im April 2013. Und dann wird es bei unseren Partnern, gut sortierten Händlern oder auf Cons zu erwerben sein.
Nähere Informationen zum Bezug auf unserer neuen Homepage.

7. Neben deinem Engagement für das Zunftblatt sitzt du auch in der Dungeonslayers-Redaktion. Wie kam es dazu und was ist da als nächstes in der Pipeline?
Nun, Dungeonslayers hat mich vom ersten Augenblick, da ich seiner gewahr wurde, begeistert. Das ist genau das Feeling klassischer Fantasy, das ich liebe. Eine detaillierte Welt, die dennoch genug Freiraum lässt, ein Regelwerk, das einfach ist und alle Spielstile ermöglicht...das war mein Ding. Christian Kennig war damals ziemlich ausgelastet und ich bat ihm Unterstützung an. Kurz darauf wurde die Redaktion geboren und ich war mit drin. In der Pipeline haben wir einige schöne Dinge, über den Veröffentlichungsplan möchte ich mich aber noch bedeckt halten, da würde ich lieber erst mit CK Rücksprache nehmen. Was ich ankündigen kann, ist, dass ich mich bemühe, im ersten Quartal 2013 endlich meinen Völkerband über die Elfen zu bringen. Das ist für mich ein Kindertraum. Ich war 12, als ich mir vornahm, mal ein Elfenbuch zu machen. Und jetzt sitze ich tatsächlich dran! Dementsprechend wird da ganz viel Liebe einfließen, denn ich war schon immer bekennender Elfenfreund. Zum Rest frag lieber CK, ich bin weniger der Mann für das Organisatorische, mehr der Erschaffer von inhaltlicher Konsistenz.

8. Hört sich nach viel „Arbeit“ an. Schätz doch mal wie viel Zeit du neben deinem eigentlichen Job und deiner Familie pro Woche mit Rollenspiel befasst.
Gefühlt 50 Stunden. Tatsächlich ist es natürlich viel weniger und variiert von Woche zu Woche. Aber zwischen 5 und 15 Stunden kann das schon mal liegen. Wenn am Wochenende Con ist, ist es natürlich viel mehr!

9. An der Zeitangabe des Chats erkenne ich, dass du soeben weitere 45 Minuten deines Sonntagmorgens im Dienste des deutschen Rollenspiels „verplempert“ hast. Vielen Dank dafür. Du hast jetzt die einmalige Chance ein paar Worte an das „Volk“ zu richten, die ich fett markieren und rot einfärben werde…
Dann mal los: Ich danke der deutschen Rollenspielszene für wunderbare 28 Jahre. Ich wünsche mir weiterhin eine lebendige, wache und engagierte Szene, ein starkes Miteinander, in dem wir uns gegenseitig unterstützen. Denkt auch an den Nachwuchs und glaubt wie ich daran, dass wir nur gemeinsam das Hobby am Leben erhalten können. Ich danke meinen Mitarbeitern für ihr Engagement und ihre Treue auch nach fünf Jahren. Das Zunftblatt, Dungeonslayers, ja, alles, was ich bis jetzt gemacht habe, haben mich geprägt und zu dem gemacht, der ich heute bin. Das Hobby hat mich mit meiner Frau zusammengeführt. Ich glaube, ich wurde geboren um zu spielen. Wenn es euch auch so geht, schreibt mir doch mal! Ich würde mich über noch mehr Kontakte in der Szene sehr freuen.


Kommentare:

Tarin hat gesagt…

Was für ein hübsches Interview, das mich daran erinnert, mir noch das neue ZB zu kaufen ;)

Moritz hat gesagt…

Dann war es ja schon zu etwas gut!