Samstag, 21. April 2012

DSA-Vorlesewettbewerb: Das Podium und der große Meister

Nun, wie soll ich es formulieren? Böse betrachtet hat der Gewinner beschissen (aber auf eine so offensichtliche Art, dass man ihm nicht böse sein kann) - sieht man es positiv, so hat er mich mit einer Art Prüfsumme versorgt, mit der ich als Ausrichter testen konnte, ob die Jury ihre Arbeit auch gut macht.

Vielleicht kommt euch der Text, der bei dreien der vier Jurymitglieder äußerst gut angekommen ist, ja bekannt vor:

"Wie bärtige Dämonen ragen tote graue Baumgestalten aus dem Nebel, der in trägen, hüfthohen Schwaden über das Moorland zieht. Ihr schlagt die tropfnassen Flechtenbärte zur Seite und ertastet Schritt für Schritt euren Weg. Unter euren Füßen gluckst es verdächtig, der bemooste Boden gibt weich unter euren Sohlen nach. Wenn ihr zurückschaut, seht ihr, wie sich eure Fußstapfen mit schwarzem, faulig stinkendem Wasser füllen. Vor euren Augen steht noch immer das Bild eurer Gefährtin Jorindiel, die vor wenigen Stunden in eben diesem ölig glänzenden Wasser versank, hinabgezogen von einem unbekannten Ungeheuer. Nie werdet ihr den Augenblick vergessen, da sich die pechschwarze Brühe mit einem leisen Gurgeln über Jorindiels Blondschopf schloss... Seitdem habt ihr nur einen Gedanken: fort von hier.'"

Der Teilnehmer hatte den Text allerdings schon unter dem Pseudonym "Uli Kiesow" bei mir angekündigt, und ich erinnerte mich glücklicherweise an das erst kürzlich wieder aufgetauchteTraktat von Uli: "Auf ein Wort, werter Meister...", aus dem dieser Abschnitt schamlos entnommen wurde.
Nach kurzem Überlegen habe ich dann den Text ebenso wie die anderen einfach anonymisiert und an die Jury weitergeleitet.

Kommen wir nun zu den "wirklichen" Siegern", denn hinter dem König des Stimmungstextes platzierten sich gleich 4 Texte von drei verschiedenen Autoren.

... und da sind sie auch schon:

Praesi 1
Ihr erwacht in einem von Öllampen erhellten Raum. Die Luft ist schwer vom süßen Duft erlesener Kräuter. Ebenso schwer wie eure Köpfe, in denen es brummt und pocht. Zusammen mit euren Gefährten findet ihr euch auf weiche Kissen gebettet. Seidene Tuniken haben das fettige Leder und den schweren Rüststahl an euren Körpern ersetzt, und fließen sanft und geschmeidig an euch herab. Erschrocken schaut ihr euch um - auch eure übrige Ausrüstung ist nirgends zu sehen.
„Willkommen, meine Freunde!“
Die Stimme klingt wie mit Honig übergossener Stahl.
Aus dem Halbdunkel tritt, gefolgt von einem stattlichen, tulamidischen Lustknaben, eine Frau an euch heran. Ihr Gesicht wirkt seltsam alterslos. Am auffälligsten jedoch ist ihr schweres, hüftlanges Kettenhemd.

Praesi 2
Ein letztes Mal wendet sich Raidri grimmig und entschlossen lächelnd zu euch um. Wie Donnerhall klingt die tiefe Stimme des Schwertkönigs. „Wenn ihr was lernen wollt, dann folgt mir! FÜR RONDRA!“
Sein Schwert aus der Rückenscheide ziehend gibt Raidri dem vor Anspannung tänzelnden Rappen die Sporen. Einem Rondrikan gleich prescht er furchtlos auf die feindlichen Linien zu.
Zuversicht und Dankbarkeit lassen eure Herzen höher schlagen. Zuversicht, die Schlacht an der Seite des schon zu Lebzeiten legendären Kämpfers zu überstehen. Und Dankbarkeit, dem größten Helden Aventuriens bei der Rettung des Mittelreiches beistehen zu dürfen. Die Gewissheit, hier und heute einen historischen Moment zu erleben, erfüllt euch mit Stolz!
„VORWÄRTS! FÜR RONDRA!“

Dolge
Der schwach tröpfelnde Regen hat nachgelassen und die goldflüssigen Strahlen des Praiosrades schimmern wie Speere durch das Blätterdach. Sie tröpfeln auf die Spur der diebischen Schwarzpelze, denen ihr schon seit Stunden folgt. Braunglänzige, von schleimigen Schneckenspuren überzogene Boronskappen mit dickem Stiel und weichem Futter säumen euren Pfad und ihr bessert gleich eure Vorräte auf. Als ihr kurz darauf die Spur verliert, macht ihr eine kurze Rast, um eure Beute mit viel Butter und etwas Speck in der Pfanne zu schmoren. Schließlich entdeckt ihr beim Beseitigen des Pilzputzabfalls doch einen Fußabdruck und entscheidet nach einigem hin und her einstimmig, den Orks weiter zu folgen. Hoffentlich habt ihr noch nicht zu viel Zeit verloren.

 
Sylandril
Als ihr die Tür öffnet steht es vor euch. In unfasslicher Fürchterlichkeit, allem was den Zwölfgöttern heilig ist, spottend, dreht sich die düstere Kreatur um. „Ich habe euch erwartet“ dröhnt es durch den Raum. Ihr gedenkt all eurer gefallen Freunde und Kameraden. Praiosgerechter Zorn steigt brodelnd in euch auf, als euer schrecklicher Feind hämisch fragt: Und? Seid ihr mit dem zufrieden, was euch am Ende eurer Reise erwartet habt? Nun werdet ihr sterben, wie eure jämmerlichen Freunde und eure schwachen Zwölfgötter werden euch auch nicht helfen. 


Hier auch zur perfekten Nachkontrolle die Platzierungen der Jury:

 
Melanie
1. Praesi 1 5
2. Michael Birnbacher 4
3. Gudrun 3
4. Uli Kiesow 2
5. Dolge 1

Karsten
1. Sylandril 5
2. Edvard Elch 4
3. Oliver Roehrer 3
4. Heiko 2
5. Dolge 1

Peter
1. Uli Kiesow 5
2. Praesi 2 4
3. Denny von Roux 3
4. Heiko 2
5. Gudrun 1

Julian
1. Uli Kiesow 5
2. Klaus Westerhoff 4
3. Dolge 3
4. Stephan Bohnsack 2
5. Praesi 2 1


Ich habe in bester Gutsherrenmanier trotz der Proteste der Jury beschlossen, den von Teichdragon gestifteten "Hauptpreis" an Praesi zu vergeben, der mit zwei Beiträgen ganz vorne dabei war.

Das von Sphärenmeister-Roland gestiftete DSA-Abenteuer habe ich eben meine Tochter auswürfeln lassen und sorry, Dolge - aber der Presi geht an Sylandril Sternenschwinger.


Kommentare:

Graf Hardimund hat gesagt…

Mein Glückwunsch an alle Gewinner!

Mein persönlicher Favorit ist der 1. Text von Praesi: Gefühlsvorkauerei, Ausrüstungs- und Kontrollverlust, NSC-PORNO vom Feinsten. Und das alles sprachlich hervorragend verpackt. "Die Stimme klingt wie mit Honig übergossener Stahl." Hammer!

TeichDragon hat gesagt…

Herzliche Glückwünsche auch von mir an die beiden Gewinner.
Die Texte sind aber durch die Bank weg echt gut geworden.

Anonym hat gesagt…

Die Stimme, die klingt wie "von Honig übergossener Stahl" erinnerte mich jetzt schlagartig an einen Satz aus dem ersten Buch von Lied von Eis und Feuer. Hab ich erst gestern gelesen, deshalb die sofortige Erinnerung.
Da ist es aber die Stimme, die klingt wie von Honig übergossener Donner.

Ansonsten: ich mag Wettbewerbsbeiträge lesen. :)

Senebles hat gesagt…

Dolge ist mein persönlicher Favorit!

TheShadow hat gesagt…

Bei mir auch Dolge. Die anderen vier kommen einer der (vielleicht gefühlten) Grundanforderungen des Wettbewerbs (Heldenhandlungen durch den Meister, Entwertung von Spielerentscheidungen) nicht nach. Praesi1-Text ist nicht zu entnehmen, ob die Ausrüstung durch Autorenwillkür weg ist, weil der Kontext fehlt. Fail. In PraesiII wird den Helden zwar ein Schlachtruf in den Mund gelegt, aber das ist auch eher schwach. Die anderen sind jetzt auch nicht besser. Das sind keine "typischen" DSA-Texte, sondern typische schlechte Prosa, wie sie in jedem Spiel immer wieder anzutreffen ist.

Der einzige, der die DSA-typische Meisterkeule rausholt, ist Dolge:

säumen euren Pfad und ihr bessert gleich eure Vorräte auf. Als ihr kurz darauf die Spur verliert, macht ihr eine kurze Rast, um eure Beute mit viel Butter und etwas Speck in der Pfanne zu schmoren. Schließlich entdeckt ihr beim Beseitigen des Pilzputzabfalls doch einen Fußabdruck und entscheidet nach einigem hin und her einstimmig,

Das ist komplette Heldenenteignung. Ich ernenne den Drittplazierten zum wahren "Meister der Herzen."

Jan hat gesagt…

Presi 2 hat noch ein wunderbares Element mit eingebracht: Der NSC stiehlt den SC die Schau. Super.