Sonntag, 18. März 2012

[Rezension] Krieger, Krämer und Kultisten


Die Jungs von Ulisses haben mir todesmutig ein zweites Buch anvertraut - dieses Mal aber eher meinen Geschmack getroffen - ich präsentiere...

Krieger, Krämer und Kultisten – Meisterpersonen des Mittelreiches

Autor/Redaktion: Alex Spohr, Mario Truant, André Wiesler
System: DSA
Verlag: Ulisses
Seiten: 208 Hardcover - vollfarbig
Preis: 35 Euro

Aussehen“:
Bunt! Fertig.

Nee, im Ernst. Es fällt schon auf, dass das erste Buch der herrschaftlichen purpurnen Reihe (das – es sei für alle Fetischisten erwähnt, auch ein purpurnes Lesebändchen hat) vollfarbig daherkommt. Und beim Durchblättern bleibt mir nur zu hoffen, dass das Konzept bei den Käufern ankommt und wir in Zukunft mehr Produkte dieser Machart sehen werden.

Auf dem Cover sehen wir einige „typische“ mittelreichische Stadtbewohner vor einer „typischen“ mittelreichischen Stadtkulisse. Besonders schick finde ich die Idee, dass wir eben diese Menschen dann auch im Inneren wiederfinden können, wie beispielsweise den Botenjungen oder die Stadtwachen, die mir direkt auf den ersten Blick aufgefallen sind – im Hinterkopf sagte beim ersten Durchblättern eine leise Stimme: „Die hast du schonmal irgendwo gesehen.“

Die Qualität der farbigen Archtypen ist durchweg hoch – wobei ich persönlich Probleme mit einem der Zeichnungen habe. (Keine Ahnung welcher der vier im Impressum genannten es ist, aber er malt sehr, sehr komische Gesichter, die alle etwas zerfallen und untot aussehen und unterzeichnet mit einer viereckigen kleinen Kiste mit lustigen kleinen Buchstaben, die ich nicht zuordnen kann.) Ich habe etwas die Befürchtung, dass viele der Typen Alrik-Normalverbraucher nicht gefallen könnten, da sie doch recht quietschbunt und comichaft daherkommen, aber ich mag das – zumindest in diesem Kontext. So finde ich beispielsweise die Wahrsagerin echt klasse, kann mir aber gut vorstellen, dass das nicht jeder so unterschreiben kann. Nicht unterschlagen darf man auch den Kommentar meiner Frau zur Jägerin, als sie mir einen kurzen Blick über die Schulter warf: „Was ist das denn? Ein Hofnarr mit Titten?“

Das Layout und die Seitenaufteilung wissen auf jeden Fall zu gefallen. Bei jedem Typus findet man nämlich die gleichen Elemente wieder, sodass man sich schnell zurechtfindet, aber die Seiten sind doch so gestaltet und aufgeteilt, dass es nicht zu schematisch und langweilig wird.


Innere Werte“:
Im Vorfeld des Erscheinens gab es ja etliche Diskussionen, Konzeptänderungen und Aufschreie in der Fanbase, aber als jemand, der das (trotz aller Beteiligung) immer noch irgendwie von außen betrachtet, muss ich sagen, dass die Veröffentlichung in dieser Form eine durchaus sinnvolle Geschichte für das DSA des Jahres 2012 ist.
Das System ist so komplex und Helden und Meisterpersonen sind nicht mal eben aus dem Handgelenk erschaffen, dass oft Werte einfach nur grob angepeilt werden und Begegnungen oder Kämpfe ihre Relevanz verlieren, da die Spieler wissen, dass der Meister sich das gerade ohnehin spontan ausgedacht hat und die ganze Kiste ohnehin wieder erzählerisch abgehandelt wird. Somit passt dieses Buch mit jeweils 3 verschiedenen Werten für Stadtwachen, Bettler, Orkräuber, Goblinschamaninnen … perfekt in meinen „Kreuzzug gegen die Handwedelei“.

Kommen wir zu den Informationen, die zu jedem Typus gegeben werden. Ein Großteil des Raums wird von einer passenden Kurzgeschichte eingenommen, dazu kommen eine Namensliste, Abenteuervorschläge, eine Box mit jeweils individuellen Informationen und natürlich ein Block mit den spielrelevanten Daten , die jeweils „normale“ Werte, „erfahrene“ Werte und „Veteranen“-Werte liefern. Erwartet jetzt bitte nicht von mir, dass ich alle Werte nachrechne und mich darüber erbose, dass sich die Redaktion (ich tippe mal in Person von Alex Spohr) beim Raufen-Wert des Zuckerbäckers um einen Punkt verrechnet hat.
Apropos Zuckerbäcker. Das finde ich total witzig, dass der hier tatsächlich erfasst ist – ich hoffe sehr, dass das ein Zeichen einer gewissen Selbstironie ist – ansonsten wäre er doch für ein kleines Facepalm gut, wobei er mit Armbrust 13 und Dolche 9/9 etwa ein Drittel aller vorgestellten Archetypen locker planieren könnte, der brutale Kerl. Auch für die Bäuerin oder den Botenjungen bräuchte ich persönlich jetzt keine Werte, aber ich zähle das mal unter die Rubrik „liebevolle Ausgestaltung der Welt“.

Die Kurzgeschichten lesen sich alle ganz flüssig, bleiben aber irgendwie nicht haften, als wäre mein Gehirn aus Teflon. Vielleicht hätte man hier das „Systematische“ etwas zurückschrauben können und die Abenteuerideen in die Kurzgeschichten integrieren können. Nicht zwangsläufig, hätte ich aber irgendwie „organischer“ gefunden.
Die Texte (gerade der Abenteuerideen und Info-Boxen) sind teilweise etwas banal „Die Amazone kann... als Gegnerin auftreten,... Sie eignet sich aber auch als kampfstarke... Reisegefährtin.“, können sich aber insgesamt durchaus sehen lassen.
Die Namenslisten kann man vernachlässigen, die bieten mal mehr, mal weniger witzige Klischeenamen. Schnitzer wie männliche Namen für Amazonen konnte ich nicht entdecken, aber was soll man hier auch vergeigen?
Meine Leib- und Magenrubrik sind natürlich die Abenteuerideen. Die sind (je nach Typus) mal ausführlich und mal knapp, mal kurz ausgearbeitet und mal nur in einem Satz geschildert. Dass einem da zur Bardin mehr Sinnvolles einfällt als zur Bäuerin, liegt wohl in der Natur der Sache. Ich hätte als Optimierungsvorschlag an dieser Stelle vielleicht anzubringen, dass man die Hooks unterschiedlicher Typen hätte verbinden können, wodurch eine Art roter Faden entstanden wäre. Dadurch, dass jeder Typ mehrere Ideen hat, wäre man auch nicht in die Verlegenheit gekommen, „aus Versehen“ ein komplettes und lineares Abenteuer mitgeliefert zu haben.

Sehr hilfreich, wenn man nicht immer die selben Meisterpersonen bieten will, sind die Anhänge. So gibt es Anpassungen der Archetypen an andere aventurische Regionen als das Mittelreich, eine gewaltige Liste mit Charaktereigenschaften (leider nicht mit Zahlen zum Erwürfeln versehen), Listen mit denen man das Aussehen auswürfeln kann (aha, jetzt auf einmal doch) sowie Listen mit möglichen Namen und Seelentieren. Hmmm... Diese ganze Seelentier-Nummer finde ich etwas strange, aber da kann ich locker drüber hinwegsehen – ich muss ja nicht bis zu den letzten beiden Seiten blättern.


Fazit:
Noch nicht ganz herrschaftliches Purpur, aber ganz sicher ein Buch, das man sich ins Regal stellen sollte – und nicht nur, weil es schick aussieht, sondern weil es alleine wegen der Spielwerte, einiger gelungener Abenteueraufhänger und ein paar wirklich cooler Illustrationen, die man direkt am Spieltisch zeigen kann, direkt im Spiel verwendet werden kann.

Mein einziges Problem ist hier, dass für mich die Prioritäten etwas verschoben sind – so lese ich die Wiesler'schen Kurzgeschichten zwar gerne, aber ich hätte sie doch gerne etwas kürzer genossen und dafür vielleicht je ein oder zwei kurz ausgearbeitete Szenarien oder eine kurze Liste von Plothooks im Band gehabt. Nur mal so als Beispiele, die mir spontan und ohne großes Nachdenken sinnvoller erschienen wären.


Bewertung:
In meiner hier erstmals angewendeten Skala, in der das perfekte Rollenspielwerk 15 Punkte erhält und meine selbst geschriebenen AD&D 2-Abenteuer aus den frühen 90ern (die viel schlimmer waren als meine D&D-Abenteuer der 80er) für die 0 stehen, erhält KKK (trotz seiner etwas unglücklichen Abkürzung) solide 11 Punkte, damit ich in Zukunft noch Raum nach oben und nach unten habe.



Mit Dank an Ulisses Spiele - auch an den F-Shop für das "Ausleihen" der Cover-Illu.

...

Kommentare:

phil hat gesagt…

Schöne Rezension! Ich freu mich auch schon auf weitere Bände.

Die "untoten" Illus (Jägern, Wirt usw.) stammen übrigens von Colin Michael Ashcroft (http://www.colinashcroft.com, sind da auch unter 'Character Design' zu finden) - und ich mag sie auch üüüberhaupt nicht.

Der Zeilenschmied hat gesagt…

Die von Moritz beschriebene Signatur spricht aber eher für Anja die Paolo. Sieht man z.B. bei der Baronin auf S. 23.
Kann das sein, dass du eher die meintest? Ich finde die Ashcroft-Bilder auch ganz furchtbar, aber die von Anja haben auch leichte Zombie-Gesichter.

Moritz hat gesagt…

Jau. Ich meinte die de Paolo-Illus. Wobei die schmalen Ashcrofts auch nicht soooo spektakulär sind.